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Gesund im Alter

Altern als Lebenskunst

Glücklich aktives Seniorenpaar, das Spaß im Freien hat. Porträt eines älteren Paares zusammen
Glücklich aktives Seniorenpaar, das Spaß im Freien hat. Porträt eines älteren Paares zusammen
© pics five - shutterstock.com
Prof. Dr. Sabina Misoch
Professorin für Altersforschung und Leiterin Swiss Center for Care@Home an der Berner Fachhochschule

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ZVG

Prof. Dr. Sabina Misoch

© ZVG

Professorin für Altersforschung und Leiterin Swiss Center for Care@Home an der Berner Fachhochschule

Altern bedeutet Veränderung. Wir verändern uns körperlich, es verändern sich unser Lebensalltag, unser soziales Umfeld, unsere Lebenswerte und auch unsere Prioritäten. Daher ist Altern weit mehr als ein biologischer Prozess – es ist eine Lebenskunst, die von Übung, Aufmerksamkeit, Neugier und Mut lebt.

In der Themenbeilage des Lifestylemagazins Annabelle über das Älterwerden zu schreiben, ist besonders reizvoll. Denn in dieser Zeitschrift geht es auch darum, wie wir uns zeigen und welche Geschichten wir über uns erzählen. Diese Fragen sind gerade im Alter persönlich, ästhetisch und politisch zugleich. Wer und was darf und soll sichtbar bleiben? Wie wollen wir wahrgenommen werden? Was verbinden wir mit der Lebensphase Alter? Und warum verbinden wir Jugend so selbstverständlich mit Aufbruch und Dynamik, während wir Alter oft mit Verlust verwechseln?

Die Forschung zeigt: Gutes Altern und Langlebigkeit hängen von einem Zusammenspiel biologischer, medizinischer, psychologischer und sozialer Faktoren ab. Dabei spielen auch innere Einstellungen wie Optimismus und soziale Beziehungen eine wichtige Rolle, ebenso Selbstwirksamkeit – das Vertrauen, das eigene Leben mitgestalten zu können. Menschen, die sich verbunden fühlen, die Beziehungen pflegen, sich regelmässig bewegen, weiterhin immer wieder Neues lernen, offen und interessiert am Leben bleiben und das Gefühl haben, gebraucht zu werden, berichten häufig von höherem Wohlbefinden und einer besseren Lebensqualität im Alter. Studien zeigen auch günstigere Verläufe hinsichtlich Gesundheit und Langlebigkeit. Entscheidend ist hierbei nicht, dass das Leben krisenfrei ist, sondern ob wir uns auch in solchen Situationen als handelnde Personen erleben und wie wir es schaffen, schwierige Phasen zu meistern.

Besonders bedeutsam sind unsere inneren Altersbilder und damit die Frage: Was erwarte ich vom Alter? Vor allem Abbau und Bedeutungslosigkeit – oder auch Tiefe, Freiheit, Gelassenheit und neue Formen von Schönheit? Solche inneren Bilder sind keine blossen Gedanken, sie beeinflussen unser Selbstbild und dadurch unser eigenes Altern: wie wir uns verhalten, wie wir das Altern erfahren, welche Chancen wir ergreifen und ob wir uns weiter Entwicklung zutrauen. Wer Alter nur als Defizit denkt, lebt enger; wer es als offene Lebensphase begreift, gewinnt Spielraum.

Umso problematischer ist, dass in unserer Kultur negative Altersstereotype noch immer vorherrschen. Ältere Menschen werden zu oft über das definiert, was angeblich nicht mehr geht: nicht mehr jung, schnell oder wandelbar. Besonders Frauen erfahren diese Verengung früh. Sichtbare Zeichen des Alterns werden kommentiert, kaschiert oder korrigiert. Dabei erzählen Falten, graue Haare und veränderte Körper nicht von Scheitern, sondern von gelebter Zeit. Sie sind keine Störung der Schönheit, sondern eine ihrer möglichen Formen.

Lebensqualität im Alter entsteht dort, wo Menschen – auch jene, die mit schweren Krankheiten leben – nicht auf ihre Einschränkungen oder Diagnosen reduziert werden. Sie entsteht durch Teilhabe, Anerkennung, Autonomie und Nähe. Sie entsteht, wenn Alter nicht als Randthema, sondern als selbstverständlicher Teil des Lebens verstanden wird. Und sie entsteht durch Wünsche: nach Stil, Sinnlichkeit, Freundschaft, Bildung, Bewegung, Liebe und Ausdruck.

Zentral ist dabei der Lebenssinn, im Japanischen als «Ikigai» bezeichnet. Menschen brauchen Gründe, um morgens aufzustehen: Aufgaben, Beziehungen und Ziele, die Bedeutung stiften. Sinn kann in Fürsorge liegen, in Kreativität, in Engagement, im Weitergeben von Erfahrung oder schlicht in der Bereitschaft, neugierig zu bleiben. Gut zu altern, heisst daher nicht, möglichst lange jung zu wirken. Es heisst, möglichst lange offen, interessiert und lebendig zu bleiben.

Altern ist kein Gegenentwurf zu Stil, Schönheit und Gegenwart. Es ist ihre Fortsetzung – anders, reicher, eigensinniger. Vielleicht beginnt gutes Altern dort, wo wir aufhören, gegen die Zeit zu kämpfen, und anfangen, diese zu gestalten.

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