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Das Erfahrungswissen von Betroffenen besser nutzen!

Foto: Romina Farias via Unsplash

Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung leidet an einer oder mehreren chronischen Erkrankungen. Der Einbezug der Betroffenen auf struktureller Ebene und die Nutzung des Erfahrungswissens müssen dringend vorangetrieben werden.

Sarah Wyss

ehem. Geschäftsführerin Selbsthilfe Schweiz und Nationalrätin Basel-Stadt
Foto: Selbsthilfe Schweiz

Die Thematik der chronischen Erkrankungen beschäftigt uns als Gesellschaft schon länger. Die demografischen Veränderungen, der Wandel bei der Arbeit, der Mobilität, bei Ess- und Konsumgewohnheiten sind dabei nicht zu vernachlässigende Einflussfaktoren. Aus diesem Grund ist die Prävention in diesem Bereich von essenzieller Bedeutung. Die Verbesserung der Gesundheitskompetenz ist ein wichtiger Faktor in der Prävention, doch hier ist das Schweizer Gesundheitssystem noch ziemlich im Hintertreffen. Investieren in die Prävention heisst, Erkrankungen und damit viel menschliches Leid zu reduzieren. 

Doch dies alleine reicht nicht. Betroffene Personen leiden oftmals über Jahre oder gar ein Leben lang an der Erkrankung – verbunden damit sind zusätzliche psychische Belastungen. In dieser Zeit werden Betroffene im Umgang mit ihrer Krankheit zu Erfahrungsexpert:innen. Bislang wird dieses Erfahrungswissen in den Versorgungsstrukturen viel zu wenig beachtet. Dass dieses enorme Wissen nicht oder viel zu wenig genutzt wird, ist nicht nur eine verpasste Chance für die Betroffenen und deren Angehörige, sondern auch ein volkswirtschaftlicher Irrsinn. Seien wir uns bewusst, dass die chronischen Krankheiten rund 80 Prozent unserer Gesundheitskosten verursachen. 

Für die Betroffenen kommt erschwerend hinzu, dass gewisse Erkrankungen noch immer gesellschaftlich tabuisiert sind. Dies ist für die Bewältigung der Erkrankung wenig hilfreich und schadet der Behandlung. Immer wieder gibt es Menschen, die einen wichtigen Beitrag zur Enttabuisierung leisten und auch ihre ganz persönliche Geschichte erzählen. Dies baut Berührungsängste ab und kann auch Gleichbetroffene im Umgang mit der eigenen Krankheit unterstützen. 

Eine Entstigmatisierung und Enttabuisierung der Erkrankungen ist notwendig. Hierfür sind wir aber als Gesellschaft gefordert. 

Die Selbsthilfegruppen bieten ein Gefäss zur Nutzung des wertvollen Erfahrungswissens. Schweizweit treffen sich über 40.000 Menschen regelmässig in Selbsthilfegruppen und unterstützen sich gegenseitig mit dem Teilen eigener Erfahrungen. Schweizweit gibt es über 2.500 Selbsthilfegruppen, ein Grossteil davon ist den Themen nicht übertragbare Krankheiten, Sucht und psychische Erkrankungen zuzuordnen. In den letzten Jahren stieg diese Anzahl massiv. 

Um die bestmögliche Versorgung von chronischen Erkrankungen zu gewährleisten, Folgeerkrankungen und Neuerkrankungen zu reduzieren, benötigen wir dringend eine bessere Einbindung der Betroffenen in die Versorgungsplanung. Das Erfahrungswissen der Betroffenen soll endlich besser genutzt werden können. Dafür braucht es Strukturen, die den Einbezug auf Augenhöhe ermöglichen.

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