Diese Frage beantwortet Dr. med. Thomas Jeck, niedergelassener Facharzt FMH für Innere Medizin und Endokrinologie/Diabetologie in Basel. Spoiler: mehr Planungsfreiheit, mehr Flexibilität und mehr Lebensqualität.

Dr. med. Thomas Jeck
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Facharzt FMH für Innere Medizin und Endokrinologie/Diabetologie
Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes messen ihren Blutzucker klassisch per Fingerpieks. Welchen Nachteil hat diese Methode?
Mit dem Pieks in den Finger gewinnen die Diabetiker:innen einen Tropfen Blut, den sie in ein Blutzuckermessgerät geben. Diese Messung liefert den aktuellen Blutzuckerwert als Momentaufnahme. Sie informiert weder darüber, wie sich dieser entwickelte, noch lässt sich ein Trend zu seiner zukünftigen Entwicklung ablesen.
Was genau macht einen Glukosesensor (CGM) im Vergleich zum Stechen komfortabler und sicherer?
Auch wenn die Fingerpieks-Messmethode nur ein, zwei Minuten braucht und neben dem Einstichschmerz keine weiteren Schmerzen verursacht, stört dieser Aufwand vor allem die Betroffenen, die ihren Blutzucker häufig messen müssen.
Ein CGM dagegen ist ein kleiner Apparat, der auf die Haut am Oberarm oder am Bauch geklebt wird. Der zugehörige winzige Sensor wird im Unterhautfettgewebe platziert. Er misst – je nach Hersteller – kontinuierlich über zehn, 14 oder 15 Tage etwa alle fünf Minuten den Zucker im Gewebe. Die Ergebnisse lassen sich per Lesegerät oder Handy auslesen. Eine wiederholte Verletzung der Fingerkuppen ist demnach nicht mehr nötig. Das ist nicht nur in der Handhabung sicherer und komfortabler, sondern auch hinsichtlich der Gewinnung regelmässiger Messwerte. Zudem hat jedes CGM ein Warnsystem, das bei kritischen Blutzuckerwerten alarmiert.
Wie profitieren Menschen mit Typ-2-Diabetes von kontinuierlicher Glukosemessung – insbesondere bei schwankenden Werten?
Diagnostischer Profit: Betroffene können bei konventionellen Blutzuckerkontrollen gute Ergebnisse haben, aber dennoch liegt der Langzeitwert (HbA1c) zu hoch. Hier kann das kontinuierliche Glukosemonitoring (CGM mit Glukosesensor) Aufschluss über die Ursache des Unterschieds geben.
Therapeutischer Profit: Betroffene können, insbesondere wenn sie mit Sulfonylharnstoffen als Tabletten oder mit Insulin behandelt werden, für Unterzuckerungen (Hypoglykämien) gefährdet sein. Hier hilft das CGM, das Ausmass der Gefährdung und den Zeitpunkt von Gefährdungen für Hypoglykämien zu identifizieren.
Warum ermöglicht ein CGM ein besseres Verständnis für den eigenen Stoffwechsel – zum Beispiel im Zusammenhang mit Ernährung, Bewegung und Stress?
Die kontinuierlich vom CGM gelieferten Werte erleichtern es, die Auswirkungen von Ernährung, Bewegung und Stress auf den Glukosewert nachzuvollziehen. Dadurch können konkrete Anpassungen des Lebensstils vorgenommen werden.
Inwiefern kann ein CGM dazu beitragen, Unterzuckerungen frühzeitig zu erkennen, auch wenn sie bei Typ-2-Diabetes seltener auftreten?Aus der Entwicklung der Werte lässt sich auf einen Trend schliessen. Der Blutzucker sinkt, steigt oder ist stabil. Das schafft den Betroffenen eine gewisse Vorausschau und die Möglichkeit, sich entsprechend dem aktuellen Geschehen zu verhalten und gegebenenfalls sich beim Absinken des Zuckers durch frühzeitige Einnahme von Kohlenhydraten vor Unterzuckerungen zu schützen oder beim Steigen des Zuckers durch Gabe von Insulin hohe Zuckerkonzentrationen zu vermeiden. Neuere CGM-Sensoren ermöglichen mittlerweile sogar eine mehrstündige Vorhersage, die noch mehr Klarheit bringt als eine Trendangabe.
Wie hilft der Einsatz eines CGM bei Therapieanpassungen?
Durch kontinuierliche Blutzuckermessung lassen sich therapeutische Schwachstellen oft schneller erkennen als mit alternativen Methoden, was eine frühzeitige Therapieanpassung erleichtert.
Welche Rolle spielt CGM für Motivation, Therapieadhärenz und langfristiges Selbstmanagement bei Typ-2-Diabetes?
Das CGM bringt reale, plausible Blutzuckerwerte, die man anders nicht bekommt. Meist variieren die Werte sehr viel mehr als erwartet. Diese Erkenntnis kann zunächst schocken oder gar demotivieren. Doch dann bringt sie Gelassenheit in den Umgang mit dem Diabetes – und Freiheit für den Alltag: mehr Planbarkeit, mehr Flexibilität, mehr Lebensqualität. Daraus erwächst bei vielen Betroffenen die Bereitschaft, ihren Blutzucker kontinuierlich zu messen.
Für welche Typ-2-Diabetiker:innen ist der Wechsel vom Fingerpieks auf CGM besonders sinnvoll?
Für die etwa 30 Prozent der Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2, die sich zusätzlich zu einem Depotinsulin mit 24-stündiger Wirkung auch rasch wirkendes Insulin verabreichen.
Welche Tipps haben Sie für Menschen mit Typ-2-Diabetes, die vom Fingerpieks auf CGM wechseln möchten?
- Werden Sie zum Profi für Ihren Diabetes. Dann wird die Arzt-Patienten-Beziehung zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe. Sie können Behandlungsoptionen diskutieren und gemeinsam entscheiden, ob und wie viel Sie dabei wagen wollen.
- Suchen Sie sich eine Praxis für Diabetologie, die sich mit CGM auskennt und bereit ist, mit dem System zu arbeiten, das Sie wünschen.
- Bedenken Sie bei der Systemwahl, dass Apparate am Oberarm nicht angestossen werden dürfen – dabei könnte sich der Sensor lösen.
Was bei Diabetes Typ 2 im Körper passiert
Bei Diabetes vom Typ 2 ist meistens die Insulinwirkung eingeschränkt. Mehr als 50 Prozent der von Diabetes 2 Betroffenen haben eine Insulinresistenz. Anfangs funktioniert ihre Insulinproduktion ungestört. Dann wird die Signalwirkung des Insulins, Blutzucker aus dem Blutkreislaufsystem ins Gewebe aufzunehmen, gedämpft. Damit steigt das Zuckerniveau im Blutkreislauf an – ein Diabetes per definitionem liegt vor.