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Home » News » Prostatakrebs: Es gibt für fast jeden Patienten mehr als eine Behandlungsoption
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Der Onkologe PD Dr. med. Aurelius Omlin (AO), Chairman des Uroonkologischen Zentrums der Klinik für Hämatologie & Onkologie Hirslanden Zürich, sowie der Nuklearmediziner und Radiologe Dr. med. Stephan Beintner-Skawran (SBS), Oberarzt an der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsspitals Zürich, erklären, wie ein Tumorboard im klinischen Alltag arbeitet. Dabei geht es insbesondere um das sogenannte Shared Decision Making (SDM), also die gemeinsame Entscheidungsfindung der Mediziner:innen und ihrer Prostatakrebspatienten für den besten individuellen Behandlungspfad.

PD Dr. med. Aurelius Omlin

PD Dr. med. Aurelius Omlin 

© OZH

Chairman des Uroonkologischen Zentrums der Klinik für Hämatologie & Onkologie Hirslanden Zürich

Dr. med. Stephan Beintner-Skawran

© ZVG

Oberarzt an der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsspital Zürich

Mit der Diagnose Prostatakrebs beginnt ein Prozess, der in einer Empfehlung zur besten individuellen Behandlung des Patienten mündet. Wie kommt es zu dieser Entscheidung, und wer hat daran teil?

AO: AO: In anerkannt zertifizierten Tumorzentren sitzen Mediziner:innen der Fachgebiete Urologie, Onkologie, Radiologie, Pathologie, dem Patienten kommunizieren. Er muss seine Optionen erfahren und verstehen, denn jede bringt spezif ische Konsequenzen, Risiken und Nebenwirkungen mit sich. Nuklearmedizin und Psycho(onko) logie mit Wissen und Erfahrung und diskutieren in einem sogenannten Tumorboard – nach zunächst individueller Beschäftigung mit den validen Fakten, die wir zur Erkrankung des Patienten haben – sämtliche Möglichkeiten zur Behandlung. Und das ist eine sehr gute Nachricht: Wir haben heute viele Möglichkeiten. Das müssen wir Im gemeinsamen Gespräch mit dem Patienten kommt es daher vor allem darauf an, zu erfragen, welche Dinge ihn bezüglich seiner Prostatakrebserkrankung beschäftigen, welche Prioritäten er setzt, welche Vorerfahrungen er hat. 

SBS: Wir bewegen uns heute immer weiter in Richtung Partizipation. Das ist eine grosse Aufgabe für alle Beteiligten. Es geht darum, die individuelle Diagnose und die aus medizinischer Sicht passenden Therapieoptionen gut zu vermitteln. Dazu ist es absolut wichtig, dass wir zu dem Patienten eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen und ihn als Mensch kennenlernen.

Was ist im ersten Gespräch mit dem Patienten besonders wichtig?

AO: AO: Zeit. Ich nehme mir gut eine Stunde Zeit für das Gespräch. Ich weiss, das ist ein Privileg – wir haben glücklicherweise in der Schweiz die Ressourcen dafür. Ich frage nach der persönlichen Krankheitsgeschichte (Anamnese), nach familiären Vorbelastungen. Beispielsweise will ich nicht nur wissen, ob der Vater oder der Grossvater Prostatakrebs hatten oder haben, sondern auch, ob es in der direkten Verwandtschaft Brustkrebs gab oder gibt. Denn dann gibt es ein höheres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, da es sich um die gleichen Gene handelt. Ich mache zudem eine Sozialanamnese, um zu erfahren, wo der Patient aktuell im Leben steht.

Mir ist wichtig, dass der Patient sich nicht unter Druck gesetzt fühlt – er braucht Zeit, um die Informationen zu verarbeiten, seine Optionen abzuwägen, sie mit seinen Angehörigen zu besprechen. Er muss sich keineswegs im Hier und Jetzt für eine Therapie entscheiden. 

Kann sich ein Patient auch gegen eine Behandlung entscheiden, und wie gehen Sie damit um?

SBS: Der Patient entscheidet immer selbst, wie er behandelt wird. Dank der SDM kann er sich dabei auf medizinisches Fachwissen und Erfahrungen vieler Fachleute stützen. Es ist selten eine binäre Entscheidung: Behandlung heisst leben, Nichtbehandlung heisst sofort sterben. Vielmehr zeigen wir den Patienten mögliche Behandlungspfade auf – mit einer aus unserer fachlichen Sicht erstbesten Behandlung, einer zweitbesten … Was heissen kann, dass die erstbeste auf das lange Überleben fokussiert, aber auch spürbare Einschränkungen und Nebenwirkungen mit sich bringt. Die zweitbeste Behandlung verursacht dagegen vielleicht weniger Nebenwirkungen, sprich: Die Lebensqualität bleibt zunächst weitgehend erhalten, doch sie geht mit einer kürzeren Überlebensprognose einher.

AO: Wir sind heute in der Situation, in der wir nahezu jedem Patienten sagen können, dass es nicht nur einen Weg zur Behandlung gibt. Und die Behandlung, die wir vorschlagen, ist immer eine Empfehlung, niemals Verpflichtung.

Herr Dr.  Stephan Beintner-Skawran, was ist Nuklearmedizin, und welche Rolle spielt sie bei Prostatakrebs?

Wir sehen dank der Nuklearmedizin, was wir behandeln – und wir behandeln mit ihr, was wir sehen. Das heisst konkret, dass wir heute mit einem schwach radioaktiven Stoff (Radiopharmakon) auf Molekülebene eine Prostatakrebserkrankung diagnostizieren und ihre Ausbreitung definieren können. Mit demselben Stoff in höherer Radioaktivität beziehungsweise Strahlenart können wir dann den Tumor dank dieser Sichtbarmachung gezielt behandeln, indem wir die Tumorzellen quasi von innen bestrahlen, gesundes Gewebe bleibt weitgehend verschont. Das führt zu einer für den Patienten vorteilhaften Früherkennung und frühen Behandlung, die sich individualisieren lässt: Wir müssen nicht sofort mit den stärksten Mitteln arbeiten und können so gewisse Kollateralschäden sehr überschaubar halten sowie den Patienten mitunter auch Eingriffe wie eine Biopsie ersparen. Inzwischen können wir dank der PSMA-Diagnostik viel früher Metastasen sehen. Dies hat auch dazu geführt, dass wir mit gezielten therapeutischen Ansätzen vorgehen können.

AO: Das ist ein sehr wichtiger Schritt in der Prostatakrebsbehandlung. Die Entwicklung der Prostatamedizin geht sehr schnell, teilweise so schnell, dass wir mit dem Umschreiben der Leitlinien zur Behandlung hinterherhinken. 

Worauf kommt es bei der Wahl der Ärztin oder des Arztes an?

AO: Prostatakrebs ist komplex. Seine Behandlung kann beispielsweise die Zeugungsfähigkeit und die Libido beeinträchtigen – Funktionen, die mit Werten wie Männlichkeit verbunden sind und massgeblich für die Lebensqualität des Patienten stehen. Umso wichtiger ist, dass der Patient eine:n Ärztin oder Arzt findet, wo die Chemie stimmt. Nur dann ergeben sich vertrauensvolle, offene Gespräche. Ich beobachte, dass sich viele niedergelassene Onkolog:innen sehr breit aufstellen, doch die Krebsmedizin wird zunehmend komplexer. Ich beispielsweise habe mich auf Krebs an Prostata, Blase und Niere spezialisiert, und die Fülle an Informationen allein zu diesen dreien wächst von Tag zu Tag. Hier hoffe ich künftig sehr auf KI, die uns beim Bewältigen der Informationsflut unterstützt.

Wie kann ein Patient sicher sein, dass die Ärztin oder der Arzt alle therapeutischen Optionen mit ihm diskutiert?

SBS: Nachfragen. Und im Zweifel eine Zweitmeinung einholen – bestenfalls bei einem anerkannt zertifizierten Prostatakrebszentrum, auch wenn das eine längere Anfahrt bedeutet.

AO: Hilfreich ist hier die Schweizer Krebsliga mit ihrem Informationsangebot zum Einholen einer Zweitmeinung. 

Was sind die Vorteile, wenn Ihre Fachrichtungen Onkologie und Nuklearmedizin/Radiologie eng zusammenarbeiten?

AO: Über das Tumorboard sind alle medizinischen Fachbereiche über kürzeste Wege vernetzt. Jeder Bereich weiss zu jeder Zeit Bescheid, was mit dem Patienten passiert, und wir können, falls nötig, sofort eingreifen und den Behandlungspfad verändern. 

Herr Dr.  Stephan Beintner-Skawran, wie läuft eine nuklearmedizinische Therapie grundsätzlich ab?

Wir spritzen dem Patienten das radioaktive Mittel – davon spürt er nichts. Der Eingriff dauert fünf bis zehn Minuten. Anschliessend verteilt sich das Mittel im Körper und dockt an Tumorzellen an. Was zu viel ist, wird mit dem Urin ausgeschieden, den wir aus Strahlungsschutzgründen in speziellen Abklinganlagen sicher auffangen. Je nach Therapie können die Patienten entweder sofort oder nach 20 Stunden nach Hause gehen. Danach erstellen wir Aufnahmen, die für die Verlaufsbeurteilung sehr wichtig sind. Das Radiopharmakon im Körper zerfällt nach einigen Tagen komplett – der Patient ist nicht mehr «radioaktiv».

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